Warum uns Labeln im Hundetraining nicht hilft.
„Schwieriger Hund.“
„Stur.“
„Unerzogen.“
„Der will dich kontrollieren.“
Solche Worte fallen im Hundetraining schnell. Oft ganz nebenbei. Und oft mit dem Gefühl, damit etwas erklärt zu haben.
Doch genau hier lohnt es sich, innezuhalten und genauer hinzuschauen.
In letzter Zeit ist mir das Thema Labeln im Hundetraining wieder sehr präsent geworden. Nicht, weil es neu wäre, sondern weil es sich noch einmal stärker in den Vordergrund geschoben hat. Und weil mir immer klarer wird, wie sehr Worte unsere Wahrnehmung, unsere Haltung und letztlich auch unsere Beziehung zum Hund beeinflussen.
Wenn Worte Denken lenken
Sprache ist nie neutral.
Worte lenken unser Denken und unser Denken lenkt unser Handeln.
Wenn wir einen Hund als „schwierig“ bezeichnen, passiert etwas sehr Subtiles. Unser Blick verengt sich. Wir erwarten Probleme. Wir suchen nach Bestätigung für das Label. Und wir geraten schnell in ein Gegeneinander.
Plötzlich stehen wir dem Hund gegenüber, statt neben ihm.
Labels wirken wie Abkürzungen. Sie vereinfachen komplexes Verhalten auf ein einziges Wort. Das kann sich erst einmal entlastend anfühlen, schließlich scheint die Ursache benannt. In Wirklichkeit ersetzen Labels aber häufig Beobachtung durch Bewertung.
Und damit nehmen sie uns genau das, was wir im Hundetraining am dringendsten brauchen: Offenheit für neue Lösungswege.
„Der ist stur.“
Oder braucht er gerade etwas anderes?
„Stur“ ist eines dieser Worte, die Verhalten scheinbar erklären, aber eigentlich nichts erklären.
Es sagt nichts über Motivation, Emotion, Lernerfahrungen oder den Kontext aus.
Ein Hund, der nicht mitmacht, ist nicht automatisch stur.
Vielleicht ist er überfordert.
Vielleicht ist er unsicher.
Vielleicht ist er müde.
Vielleicht versteht er die Aufgabe nicht.
Vielleicht braucht er gerade etwas anderes als das, was wir von ihm erwarten.
Das Label „stur“ blendet all diese Möglichkeiten aus, noch bevor wir sie überhaupt prüfen.
„Der will dich kontrollieren.“
Oder sucht er Orientierung?
Auch dieses Label hat eine enorme Wirkung.
Es lenkt den Blick auf Macht, Absicht und Gegnerschaft. Der Hund wird zum Akteur mit fragwürdiger Motivation.
Doch was passiert, wenn wir diese Brille absetzen?
Viele Verhaltensweisen, die als „kontrollierend“ bezeichnet werden, haben mit Unsicherheit, Stress oder fehlender Orientierung zu tun. Mit dem Versuch, eine Situation irgendwie handhabbar zu machen.
Die Frage verändert alles.
Nicht: Was will der Hund mir antun?
Sondern: Was versucht er gerade zu bewältigen?
„Unerzogen.“
Oder hat er das einfach noch nicht gelernt?
„Unerzogen“ klingt endgültig. Fast wie ein Urteil.
Dabei sagt dieses Wort nichts darüber aus, was ein Hund tatsächlich kann oder nicht kann.
Hunde kommen nicht mit einem fertigen Verhaltensrepertoire auf die Welt. Fähigkeiten müssen gelernt, aufgebaut und gefestigt werden. In einem Tempo, das zum Hund passt, unter Bedingungen, die Lernen überhaupt möglich machen.
Ein Hund ist nicht unerzogen.
Vielleicht hatte er bisher einfach keine Gelegenheit, bestimmte Fähigkeiten zu lernen.
Oder keine passenden Rahmenbedingungen.
Oder keine verständliche Anleitung.
Diese Perspektive verändert nicht nur den Blick auf den Hund, sondern auch unsere Verantwortung als Mensch.
Warum Labeln ein Gegeneinander erzeugt
Labels trennen.
Sie stellen uns auf die eine Seite und den Hund auf die andere.
Der Hund wird zum Problem, das gelöst werden muss.
Sein Verhalten wird moralisch bewertet, statt funktional verstanden.
Bedürfnisorientiertes Hundetraining lebt aber von Zusammenarbeit. Von Beziehung. Von dem gemeinsamen Blick auf Situationen, statt von Zuschreibungen.
Wenn wir anders sprechen, fragen wir anders.
Und wenn wir anders fragen, handeln wir anders.
Impulse, die das Thema wieder geschärft haben
Gerade durch das letzte Meeting mit den Leuchties, den „Heller leuchten“-Mitgliedern rund um Rica Dog Life Coaching, ist dieses Thema für mich noch einmal sehr präsent geworden. Nicht als neue Erkenntnis, sondern als etwas, das sich wieder stärker in den Vordergrund geschoben hat.
Ähnlich ging es mir beim aktuellen Podcast von Astrid Sperlich Mantrailing: Time to Shine. Auch dort wird sehr klar, wie sehr unsere Wortwahl beeinflusst, wie wir Hunde wahrnehmen und wie wir mit ihnen arbeiten, selbst in strukturierten Trainingssettings wie dem Mantrailing.
Solche Impulse erinnern mich immer wieder daran, wie wichtig es ist, Sprache bewusst zu hinterfragen.
Weniger Label. Mehr Beobachtung.
Vielleicht geht es am Ende genau darum.
Nicht jedes Verhalten sofort einzuordnen, sondern erst einmal wahrzunehmen.
Nicht vorschnell zu erklären, sondern neugierig zu bleiben.
Weniger Label.
Mehr Beobachtung.
Mehr Zusammenarbeit.
Und mehr Raum für Hunde, die mehr sind als ein Wort.