Hund Hund Begegnungen oder warum wir Menschen lernen müssen, durchzuatmen

Hundebegegnungen, die mit etwas mehr Spannung einhergehen, werden von uns Menschen erstaunlich oft genau damit quittiert: mit noch mehr Spannung. Der Hund wird schneller, fixiert, zieht nach vorne, vielleicht bellt oder knurrt er. Und wir? Werden ebenfalls schneller, lauter, angespannter. Denn auch wir Menschen können uns reaktiv verhalten. Und gerade in Situationen, in denen wir Sorge haben, dass gleich etwas schiefläuft, reagieren wir intuitiv nicht immer besonders hilfreich.

Deshalb ist eine Sache bei Hundebegegnungen manchmal wichtiger, als man denkt: Erst einmal durchatmen. Nicht, weil wir einfach alles laufen lassen sollen. Sondern weil wir viel besser reagieren können, wenn wir nicht selbst noch zusätzliche Erregung in eine ohnehin angespannte Situation bringen.

1. Wenn mein Hund nicht mehr reagiert, war die Situation wahrscheinlich zu schwierig

Das passiert schnell. Eigentlich wollte ich meinen Hund rechtzeitig ansprechen. Eigentlich sollte er bei mir bleiben. Eigentlich weiß er, dass er nicht einfach zu einem anderen Hund laufen soll. Und dann macht er es trotzdem. Oder er reagiert überhaupt nicht mehr auf mich.

Unser menschlicher Impuls ist dann schnell, deutlicher zu werden. Wir rufen lauter, wir schimpfen, vielleicht schreien wir unseren Hund sogar an. Dabei vergessen wir in diesem Moment etwas Entscheidendes: Wenn mein Hund gerade nicht mehr das zeigen konnte, was ich von ihm erwartet habe, war die Situation vermutlich zu schwierig.

Vielleicht war die Entfernung zum anderen Hund zu gering. Vielleicht habe ich seinen Erregungszustand unterschätzt. Vielleicht hätte ich ihn früher ansprechen müssen. Dann hat nicht einfach mein Hund einen Fehler gemacht. Ich habe möglicherweise die Situation falsch eingeschätzt. Und wenn ich gerade schon festgestellt habe, dass ich sein Erregungslevel unterschätzt habe, ist es meistens keine besonders gute Idee, anschließend noch mehr Erregung hineinzubringen. Genau hier lohnt es sich also**: Durchatmen.**

Was stattdessen helfen kann

Wenn ich meinen Hund zu spät angesprochen habe oder er bereits kaum noch ansprechbar ist, versuche ich nicht, durch mehr Lautstärke doch noch irgendwie Kontrolle herzustellen. Ich versuche, möglichst ruhig und freundlich auf ihn einzuwirken, ihn aus der Situation mitzunehmen und wieder Distanz herzustellen.

Und danach kann ich überlegen: Wo hätte ich früher reagieren können? Welche Entfernung wäre für meinen Hund besser gewesen? Woran hätte ich erkennen können, dass sein Erregungslevel bereits steigt? Genau aus diesen Fragen kann sich ein gute Training entwickeln.

2. Auch wir Menschen können eine Begegnung zum Kippen bringen

Ein weiterer Moment, in dem es sich lohnt, einmal tief durchzuatmen, entsteht im direkten Kontakt zwischen Hunden. Hunde kommunizieren. Und zu ihrer Kommunikation gehören nicht nur Schnüffeln und gemeinsames Spiel. Zur hündischen Kommunikation gehören auch Knurren und Bellen. Und genau das ist es auch zunächst mal: einfach Kommunikation.

Für viele Hundehaltende sind Knurren und Bellen absolute Warnsignale, sofort einzugreifen. Das ist nicht immer sinnvoll, kann aber natürlich auch notwendig werden. Entscheident ist dann, wie wir eingreifen.

Wer einmal durch den Englischen Garten läuft und Hundebegegnungen genauer beobachtet, kann auf etwas Spannendes achten: Wann kippt eine Situation eigentlich? Natürlich gibt es Begegnungen, die bereits ohne Einwirken von aussen zwischen den Hunden schwierig werden. Aber gar nicht so selten kommt noch ein weiterer Faktor hinzu: die Menschen.

Plötzlich wird gerufen, geschrien, an Leinen gezogen. Mehrere Menschen gehen hektisch auf die Hunde zu. Alle möchten die Situation möglichst schnell beenden und bringen dabei unbewusst noch mehr Spannung hinein. Und auch dabei können Dinge passieren, die wir gar nicht auf dem Schirm haben. Vielleicht möchte ich eigentlich nur meinen eigenen Hund holen. Für den anderen Hund sieht es aber so aus, als würde ein fremder Mensch plötzlich auf ihn zukommen. Und wenn dieser Hund fremde Menschen ohnehin unangenehm findet, kann genau das ein zusätzlicher Auslöser sein.

Wenn dann noch mehrere Menschen ihre Hunde laut anbrüllen, wird die Situation normalerweise nicht übersichtlicher oder entspannter. Deshalb auch hier: Durchatmen. Erst schauen, was gerade passiert. Dann handeln.

Was stattdessen helfen kann

Wenn die Situation noch überschaubar ist, versuche ich ruhig auf meinen Hund einzuwirken. Ich schaffe möglichst Raum, vermeide hektisches Zulaufen, wenn es nicht notwendig ist, und versuche, meinen Hund in (und ggf. aus) der Situation zu begleiten, statt die Situation mit möglichst viel Energie zu beenden.

Das bedeutet nicht, dass man Konflikte zwischen Hunden einfach laufen lassen sollte. Es bedeutet nur, dass auch unser Eingreifen Teil der Hundebegegnung ist. Und deshalb ist es wichtig, darauf zu achten, welche Stimmung wir selbst mit hineinbringen.

3. Wir sollten viel öfter das Gute sehen und belohnen

Zum Glück entwickelt sich Hundetraining immer stärker in eine Richtung, in der wir nicht nur darauf warten, dass unser Hund etwas tut, was wir nicht möchten, um ihn dann dafür zu korrigieren. Wir können stattdessen viel gezielter das Verhalten verstärken, das wir häufiger sehen wollen.

Und das verändert auch unseren eigenen Blick auf Hundebegegnungen. Denn plötzlich suche ich nicht mehr permanent nach dem Moment, in dem mein Hund etwas falsch macht. Ich suche nach den vielen kleinen Dingen, die er gut macht. Mein Hund sieht einen anderen Hund und bleibt ansprechbar. Das kann ich belohnen. Er schaut kurz und orientiert sich wieder zu mir. Das kann ich belohnen. Er geht einen kleinen Bogen. Das kann ich belohnen. Er löst sich nach einem kurzen Kontakt selbstständig wieder. Auch das kann ich belohnen.

Und ganz nebenbei sind wir dadurch selbst häufig viel positiver mit unseren Hunden unterwegs. Das finde ich besonders wichtig, wenn wir uns einmal daran erinnern, wer diese Hunde für uns eigentlich sein sollen: unsere Begleiter, unsere Familienmitglieder, unsere besten Freunde. Wenn wir Verhalten genauso gut oder sogar besser darüber verändern können, dass wir das Gute verstärken, statt ständig das Schlechte zu bestrafen, stellt sich irgendwann die Frage: Warum sollten wir es nicht tun?

Ein gut aufgebautes Markersignal kann dabei sehr hilfreich sein. Ein Marker kündigt dem Hund eine bestimmte oder allgemeine Belohnung an. Und damit kann ich meinem Hund punktuell etwas Positives mit in eine Hundebegegnung geben. Gerade bei Hunden, die Schwierigkeiten mit Nähe zu anderen Hunden haben, kann das verblüffend gut funktionieren.

Natürlich gilt trotzdem: Ist mein Hund bereits vollkommen überfordert, muss ich zuerst wieder eine Situation herstellen, in der Lernen überhaupt möglich ist. Auch dafür hilft manchmal wieder derselbe kleine Gedanke: Durchatmen. Abstand schaffen. Neu anfangen.

4. Und was ist eigentlich mit Hundekontakt an der Leine?

Früher hörte man sehr häufig: „Hunde dürfen sich auf keinen Fall an der Leine begrüßen.“

Kontakte an der Leine können schwierig sein. Die Bewegungsfreiheit ist eingeschränkt. Hunde können schlechter ausweichen. Und eine straffe Leine kann zusätzliche Spannung erzeugen. Aber gerade wenn wir in einer Großstadt wie München leben, sind nähere Kontakte an der Leine manchmal schlicht nicht vollständig vermeidbar.

Deshalb finde ich es sinnvoller, solche Situationen mit geeigneten Hunden in geeigneten Situationen gezielt zu üben, statt so zu tun, als dürften sie niemals vorkommen. Natürlich erst dann, wenn der Hund überhaupt so weit ist, dass Nahkontakt für ihn machbar ist.

Und dann spielt unsere Leinenführung eine große Rolle. Wenn zwei Hunde in Kontakt gehen und wir genau in diesem Moment die Leine kürzer nehmen und straffziehen, bringen wir wieder zusätzliche Spannung in die Situation. Deshalb sollte die Leine lang genug sein und möglichst locker bleiben. Wenn die Hunde sich bewegen, kann ich die Leine entsprechend mitführen und nachgeben.

Ich möchte absichern, ohne den Hund festzuhalten. Denn auch hier gilt wieder: Wenn eine Situation ohnehin mit Erregung belegt ist, müssen wir nicht noch mehr Spannung hinzufügen.

Hundebegegnungen sind komplexer, als den Hund auszuschimpfen

Vielleicht ist das einer der wichtigsten Gedanken bei Hundebegegnungen: Nicht nur unsere Hunde reagieren. Wir reagieren auch. Und gerade wenn wir selbst Sorge haben, dass eine Begegnung schwierig werden könnte, wird unser Verhalten schnell hektischer, lauter und angespannter.

Deshalb lohnt es sich, sich selbst genauso zu beobachten wie den Hund. Habe ich seine Erregung zu spät bemerkt? War ich zu nah dran? Hätte ich früher Abstand schaffen können? Muss ich gerade wirklich so energisch eingreifen? Oder kann ich erst einmal: durchatmen?

Denn natürlich sollen wir unseren Hunden helfen, gute Entscheidungen zu treffen. Aber dafür müssen wir manchmal zuerst selbst eine treffen. Und die kann erstaunlich simpel sein: Durchatmen. Situation einschätzen. Dann handeln.

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