Bedürfnisorientiertes Mantrailing – was steckt dahinter?
Mantrailing ist eine Beschäftigung, die sich für erstaunlich viele Hunde eignet – und das hat einen ganz einfachen Grund: die Nase ist das große Talent des Hundes. Schnüffeln, Spuren verfolgen, Informationen über Gerüche aufnehmen – all das gehört zu den ureigensten Fähigkeiten unserer Hunde. Beim Mantrailing dürfen sie genau das tun, wofür sie gemacht sind.
Die Dimensionen sind dabei wirklich beeindruckend:
Die Riechschleimhaut eines Hundes umfasst je nach Rasse etwa 150–170 Quadratzentimeter. Beim Menschen sind es im Vergleich gerade einmal rund 5 Quadratzentimeter. Kein Wunder also, dass das Erschnüffeln von Spuren für Hunde nicht nur sinnvoll, sondern auch unglaublich erfüllend ist. Über die Nase gelangen unzählige Informationen ins Gehirn – der Hund arbeitet dabei mit dem Kopf, dem Körper und seinen Sinnen zugleich.
Eine Gruppenaktivität – ohne sozialen Druck für den Hund
Ein weiterer schöner Aspekt am Mantrailing ist der soziale Rahmen: Man trifft sich als Gruppe, kommt mit anderen Hundemenschen ins Gespräch, tauscht sich aus und erlebt gemeinsam etwas. Für die Hunde selbst findet die Suche jedoch immer einzeln statt. Das bedeutet: Die Hunde müssen nicht miteinander interagieren. Jeder Hund arbeitet für sich – mit seinem Menschen. Dadurch eignet sich Mantrailing auch hervorragend für Hunde, die nicht oder nur eingeschränkt gruppenkompatibel sind oder auf andere Hunde unsicher reagieren.
Fokus auf Stärken statt auf „Probleme“
Im Alltag vieler Mensch-Hund-Teams liegt der Fokus häufig auf Herausforderungen oder sogenannten Problemen. Beim Mantrailing ist das anders. Hier steht im Mittelpunkt, was der Hund gut kann: seine Nase einsetzen! Dabei darf er Entscheidungen treffen, Spuren folgen, Selbstwirksamkeit erleben. Viele Halter*innen erfahren dabei einen Perspektivwechsel – weg von Problemdenken hin zu Staunen und Stolz. Oft beginnt es mit Unglauben („Hat mein Hund das gerade wirklich gerochen?“) und entwickelt sich zu einer tiefen, liebevollen Anerkennung der Fähigkeiten des eigenen Hundes.
Was bedürfnisorientiertes Mantrailing besonders macht
Beim bedürfnisorientierten Mantrailing wird das Training konsequent an den individuellen Hund angepasst – nicht umgekehrt. Ängste, Unsicherheiten, Erregungsniveau oder Vorerfahrungen werden ernst genommen und in die Gestaltung des Trainings integriert. Ein Beispiel: Hat ein Hund Angst vor Menschen, sucht er dennoch immer eine Versteckperson. Durch das Mantrailing kann sich seine Erwartungshaltung gegenüber Menschen langsam verändern – wenn das Ankommen passend gestaltet wird. Die Belohnung kann zum Beispiel einige Meter vor der Versteckperson liegen, der Mensch kann abgewandt stehen oder sich sogar ein Stück entfernen, wenn der Hund ihn gefunden hat. So bleibt die Situation für den Hund angenehm und sicher.
Auch der Start in die Suche wird flexibel gehandhabt. Es gibt ein Startsignal, das dem Hund Orientierung gibt – doch besonders bei sehr aufgeregten oder „zibbeligen“ Hunden müssen keine starren Rituale eingehalten werden. Der Start kann im Gehen erfolgen, es kann Futter gestreut werden und der Hund bekommt Zeit, sich zu regulieren.
Bedürfnisse auch in den Wartezeiten
Bedürfnisorientierung hört nicht bei der Suche auf. Auch die Wartezeiten werden individuell gestaltet. Üblicherweise verstecken sich die Halter*innen gegenseitig für die Hunde. Wenn ein Hund jedoch nicht gut alleine im Auto bleiben kann oder Trennung schwerfällt, können Hilfspersonen eingebunden oder Abläufe angepasst werden. Ziel ist immer: Der Hund soll sich sicher fühlen.
Mantrailing auf dem Geruchsband – Frustration vermeiden
Eine Besonderheit ist außerdem das Mantrailing auf dem Geruchsband. Der Suchauftrag lautet hier nicht einfach „Finde den Menschen“, sondern: Folge exakt der Spur, die der Mensch gegangen ist. Das hat große Vorteile: Wenn der Hund nicht spurtreu läuft, gelangt er ggf. zu unüberwindbaren Hindernissen – etwa Zäune, Gewässer, Privateigentum – und es kommt Frust auf. Frustration aktiviert das Stresssystem im Körper, da dieses Energie bereitstellen muss. Genau das wollen wir nicht. Durch das Trailen auf dem Geruchsband bleibt der Hund in seiner Aufgabe, kann ruhig weiterarbeiten und erlebt gleichzeitig Selbstwirksamkeit und Erfolgsmomente.
Eine Beschäftigung, die verbindet
Mantrailing – und ganz besonders das bedürfnisorientierte Mantrailing – bringt Hund und Mensch auf eine besondere Weise zusammen. Es stärkt Vertrauen, Kooperation und gegenseitiges Verständnis. Der Hund, dessen Tag zumeist vom Menschen bestimmt wird, führt seine*n Besiter*in zum Ziel. Und der Mensch lernt zu lesen, zu beobachten und zu begleiten.
Für mich ist es deshalb eine der schönsten Beschäftigungsformen überhaupt: sinnvoll, individuell, verbindend – und getragen von Freude und Begeisterung auf beiden Seiten der Leine.